Freitag, 04. Mai 2007

Exotische Fleischsorten: Ist es eigentlich okay, Ratte zu essen?

Qualle Seit langem wieder einmal fuhr ich mit meinem Lieblingsfrisör in der Stadtbahn. Wir hechelten meine drei Lieblingsthemen (Royals, seltene Hautkrankheiten und exotische Fleischsorten) durch und tauschten gerade unsere geschmacklichen Erfahrungen mit Gnuschulter, Straußensteak und Krokodilbauch aus, als der Maitre meinte: „Ist es eigentlich okay, Ratten zu essen?“

Meinen Einwand, dass sich diese Frage doch nun nicht direkt aufdränge, ließ er unter anderem mit dem Hinweis des Chinaengagements gewisser Reiseanbieter nicht gelten.

„Klar, „spagetti ratta, rat au vin oder fried ratlegs findest du im Moment noch nicht auf den Speisekarten, aber es dauert bestimmt nicht lange, dann kommt ein Sternekoch im SZ-Magazin auf die Idee, das lange unterschätzte, kulturell zu Unrecht schlecht angesehene und cholesterinarme Rattenfleisch zu entdecken. Und dann wird as auch bald bei Biolek gekocht.“

„Oh ja, das sehe ich schon vor mir“, griff ich in seine Gedanken ein, „Was hast du uns denn leckeres Mitgebracht,Elke? – Eine Ratte, Alfred – Hmmmm, da habe ich hier einen ganz leichten Rotwein dazu...“

Der Maitre hatte ja auch wirklich Recht, Ratten essen kann ja grundgut sein:

Erstens: Ratte ist Slowfood. Man muss sie lange garen, sonst bleibt sie zäh. Und wegen der Keime.

Zweitens: Ratte stärkt den regionalen Wirtschaftskreislauf. Man muss sie nicht von Übersee erst einfliegen, jeder Keller in Kanalisationsnähe ist Jagdgebiet. Für ein Kilo Ratte müssen nicht zwanzig Kilo Getreide verbraucht werden, die dann wieder in Afrika fehlen.

„Und überhaupt“, erinnerte mein Frisör, „Ratte ist letztlich nur eine Wiederentdeckung, frag mal deine Urgroßeltern, wie das im Hungerwinter 1917 war...“

Wir kamen zu dem gemeinsamen Schluss, dass Ratte essen auf jeden Fall okay ist, mehr als ein kulinarischer Trend. Ratte paßt zum Zeitgeist der neuen Bescheidenheit. Unsere Tatort-Kommissare gehen ja auch mit gutem Beispiel voran und verzehren täglich vor Fotografen Curry-Ratte.

„Tja Maitre“, „verabschiedete ich meinen Freund,“bald kommt täglich Ratte auf den Tisch...“

„Nur freitags nicht“, zwinkerte er mir zu, „da gibt’s Qualle.“

Donnerstag, 26. April 2007

Mein Lieblingsfrisör durchkämmt die Warenwelt: CD-Sterben

Roxy Es gab ja schon öfter mal Horrormeldungen, dass sich CDs nach einer gewissen Zeit (so 30 bis 40 Jahre) auflösen würden oder ähnliches. Ich hielt das immer für Mythen, die die Vinylverfechter in Umlauf brachten. Irrtum.

Mein Lieblingsfrisör erzählte mir nun von einem Abend mit Freunden, wo er zu später Stunde die CD Roxy Music „For your pleasure“ einlegte, die er in den Achtzigerjahren gekauft hatte. Es kam nichts, die CD war rostbraun oxydiert.

Die ganze Nacht überprüfte mein Frisör seine CD-Sammlung, die Roxy Music blieb aber die einzige Leiche im Regal. Bei seinen Recherchen fand er heraus, dass damals ein ganz bestimmtes Presswerk in England mit einer aggressiven Beschichtung gearbeitet hatte. Er schickte seine CD ein und bekam tatsächlich eine neue. Allerdings nicht Roxy Music, die hatten sie nicht mehr, sondern „Best of Elton John“. Ob sie funktioniert weiß er nicht mehr, er ließ sie eingeschweißt.

Ich jedenfalls, als ich gestern im Laden einen Blick auf die neuesten CDs mit den Superstars und Modern Talking schaute, dachte so bei mir: Eigentlich ist so ein CD-Sterben doch gar keine so üble Sache?!?

Donnerstag, 05. April 2007

Mein Lieblingsfrisör durchkämmt die Warenwelt: Schottisches Schoko-Sandwich

Ostern In Schottland gibt es ein neues Mode-Butterbrot: Es besteht aus zwei Weißbrotscheiben mit Schokolade in der Mitte. Das ganze wird in Butter getaucht, frittiert und nochmals mit Schokoladensoße und Zucker übergossen. Dazu Vanilleeis. Das Schoko-Sandwich hat über 1000 Kalorien, die Hälfte dessen, was einer Frau für den ganzen Tag empfohlen wird.

Ich werde das Sandwich am Samstag testen, bevor ich am Sonntag mit meinem jährlichen, religiösen Osterheilfasten beginne...

Sonntag, 25. März 2007

Problemfernsehen

Montag war ich wieder mal zu Besuch bei meinem Lieblingsfrisör in der Praxis und ließ mir schon mal einen sommerlichen Haarschnitt verpassen. Dabei erzählte er mir begeistert, dass er in der TUI Arena bei „50 Jahre Rock“ war. Ich konnte nur bedingt mitreden, weil ich zwar Teile der Sendung im Fernsehen sehen konnte, aber auf Bettinas vielfältigen Wunsch wieder eine „Strychninkapselsendung“ sehen mußte.

Ich glaube das muss ich erklären: Wir haben grundlegend unterschiedliche Auffassung von filmischer Qualität. Bettina zum Beispiel liebt Problemfilme. Ein Problemfilm kommt meistens aus Frankreich und es wird ständig geredet, am liebsten durcheinander. Meistens sitzen dabei ein Mann und eine Frau in der Küche oder im Bistro am Tisch und lesen sich gegenseitig Ausschnitte aus Tageszeitungen vor, d.h. sie versuchen die gesammelten Probleme dieser Welt in anderthalb Stunden zu lösen.- Die Problemkonstellationen sind immer in etwa so: Eine junge Frau, die in ihrer Kindheit vom Schäferhund ihres Stiefvaters vergewaltigt wurde, lebt in dritter Ehe mit einem wesentlich älteren Mann zusammen, der impotent ist und durch einen Haushaltsunfall eine Hirnschädigung erlitten hat, die schleichend innerhalb von drei Monaten seinen Geist erweicht. Beide haben siamesische Drillinge (aus der Zeit vor seiner Impotenz!), die nach der chirurgischen Trennung die volle Aufmerksamkeit ihrer Eltern benötigen. Leider hat der Mann sich überdies verspekuliert und die Familie muss von der Sozialhilfe leben. Am Ende eines solchen Filmes bringen sich meistens die Protagonisten gegenseitig um oder begehen zumindest einvernehmlichen kollektiven Selbstmord.

Nach Betrachten eines solchen Filmes bin ich immer so depressiv, dass ich mir einfach eine Strychninpille aus meinem kleinen Döschen nehme, Bettina hingegen ist immer vollauf begeistert...

Naja, jedenfalls konnte ich die Begeisterung meines Lieblingsfrisörs nicht gebührend teilen. Er erzählte mir dann abschließend auch noch völlig empört, dass am gleichen Abend Karl Moiks Musikantenstadl eine höhere Sehbeteiligung gehabt habe, als „50 Jahre Rock“.

Wir philosophierten angesichts dieser schockierenden Nachricht über den geistigen Zustand unserer Republik und streiften auch die Tatsache, dass Moik in eben dieser Sendung Italiener als „Spagettifresser“ bezeichnet habe, einigten uns aber darauf, das diese Verfehlung sicher mit seiner Herzattacke vom Rosenmontagsumzug zusammenhinge.

Mein Lieblingsfrisör fragte mich dann abschließend, was ich vom Vorschlag  für einen fensehfreien Tag pro Woche halte und stattdessen mal ins Theater zu gehen.

Mein Lieblingsfrisör und ich sind uns einig und gegen einen solchen Tag, denn:  Womit sollen die Grenzdebilen sich beschäftigen, auf die ein Gros unserer Fernsehunterhaltung zugeschnitten ist? Wäre es denn wahrlich ein Gewinn, säßen diese Leute im Theater plötzlich neben uns?

Heute Abend bin ich mit Gattin im Theater: „Harold and Maude“. Ich habe meine Strychnintabletten dabei und gottlob ist heute kein fernsehfreier Tag...

Sonntag, 07. Januar 2007

Essen-Philosophie 2: Gammelfleisch

Surstr Letzten Mittwoch ging es bei der Stadtbahnfahrt mit meinem Lieblingsfrisör mal wieder um Essen. Wir saßen im Tunnel fest und ich hatte das Thema dummerweise auf „Gammelfleisch“ gebracht. Man muß wissen, dass mein Libelingsfrisör und ich die gleichen Hobbies haben: seltene Hautkrankheiten, die Royals und exotische Fleischsorten. So sind seine umfassenden Kenntnisse zu erklären.

„Wer Gammelfleisch eklig findet, der soll sich mal nicht so haben. Der Mensch verzehrt noch ganz andere Dinge, und das sogar mit Genuss. Denk mal nur an das schwedische „Surströmming“:

Sieht aus wie eine Dose Fisch, aber die erkennbar unter Druck stehende Dose sollte man nur unter Wasser öffnen, damit das Faulgas kontrolliert entweichen kann und etwaiger sud nicht durch die gegend spritzt. Mit zugehaltener nase auf das Ende des Blubberns warten. Schweden machen sich über den milchsauer vergorenen und ein halbes Jahr gereiften (man kann auch sagen verroteten) Hering mit Kartoffeln und Zwiebeln auf Brot her,  ein Glas Milch oder Schnaps passt dazu. Der Transport der dosen ist bei einigenb Fluglinien übrigens wegen der Explosionsgefahr verboten.“

Meinen  Ekel im Gesicht kommentierte er weiter…

„Ekel ist kulturabhängig. In Indien ist Svapaka (Hundeesser) die schlimmste Beleidigung. In Vietnam wirst du zum Hundeverzehr in feine Restaurants geleitet. „

„Ja aber Gammelfleisch ist doch eindeutig verdorben“, versuche ich einzuwerfen…

„“Und was ist mit Surströmming? Oder mit dem Würchwitzer Millnkäse, auf dem Milben leben? Wichtig ist der Zustand des Fleisches vor dem Einfrieren. Bei Minus 18 Grad findet kein bakterieller Stoffwechsel mehr statt. Nur die chemischen Abbauprozesse gehen weiter: Eiweißabbau sorgt für leichte Süße, Oxydation macht fetthaltiges Gefriergut muffig. Ungesund ist das nicht. Tibetanische Butter etwa ist erst ranzig richtig gut.“

Die beiden Frauen, die uns gegenübersassen und scheinbar desinteressiert guckten, waren spätestens jetzt leicht grün im Gesicht.

„Ich glaube aber auch nicht“, setzte mein Lieblingsfrisör wieder an, „dass Gammelfleisch zur Delikatesse wird, dazu ist es nicht ungewöhnlich genug. Auf den Faröer Inseln genießt man beispielsweise „Raest Kjöt“, das Fleisch hängt von Oktober bis Februar draußen, es sollte warm genug sein, damit es gut trocknet, aber nicht zu warm, damit nicht großes Madengetümmel entsteht. Eine halbe Stunde bevor Frau und Kinder gestankshalber das Haus verlassen, ist die Faröer Spezialität einer Männerweisheit gemäß genußreif.“

Jetzt war eine der Frauen ganz blaß aufgestanden und setzte sich ein paar Reihen weiter.

„Rochen oder Eishai lagern ihre Giftstoffe nicht in den Nieren, sondern im Fleisch ab. Deshalb lässt man beide kiesbedeckt drei Monate liegen, damit austretende Flüssigkeiten ablaufen können. Am Ammoniakgestank sollte man sich nicht stören, noch zwei Monate trocknen lassen, dann essen, schmeckt leicht käsig.

In Island gilt angefaulte Robbenflosse, bzw „gefüllte Robbe“ als Spezialität, der Robbe werden die Eingeweide entnommen und der Hohlraum mit Heringen gefüllt, das ganze muß drei Monate ablagern.“

Die andere Frau stand schnell auf und kötzelte beim Verlassen der Stadtbahn auf die Trittstufen. Mein Frisör schaute erstaunt hinterher und fuhr fort:

„Auch die Franzosen kennen sich mit Fastverderbenlassen aus. Fasane werden am Genick aufgehängt und dann seinem Verfall so lange zugesehen, bis das Fleisch so zart ist, dass es reißt und der Vogel von selbst zu Boden fällt.“

Jetzt meldete sich ein älterer Herr von nebenan: „Danke, ich hatte mich schon immer gefragt, wie lange der Fasan abhängen muß.“

Mein Freund bekam leuchtende Augen: „jaja, Esskultur ist eine spannende Sache. Die philippinische Hausfrau weiß, dass ihr Schweinebauch tischfertig ist, wenn sich die ersten Maden zeigen. Die Taiwanesen essen zum Reisbier gerne angerottete Kleinigkeiten: Innereien von Hase oder Hirsch werden angesäuert und schmecken erst richtig, wenn die Maden kommen. Diese possierlichen Tierchen spielen auch beim sardischen Casu Marzu-Käse eine Rolle. Die lebenden weißen Larven der Käsefliege verhelfen mit ihrer fettzersetzenden Verdauungstätigkeit dem Käse erst zu seinem kräftigen Aroma. Weicheier klopfen die Tierchen ab, der tapfere Sarde isst sie mit und riskiert Durchfall und Entzündungen im Genitalbereich, denn die Larven sind Magensäureresistent.“

Gottlob kamen wir bei diesen Worten an unser Ziel, war mir selbst doch auch schon etwas flau geworden… Jedenfalls ging ich Mittags ganz bedenkenlos zu meinem Lieblingsdönerstand.

Samstag, 06. Januar 2007

Essen-Philosophie

Ca8l6zyj Neulich sassen mein Lieblingsfrisör und ich zusammen und unterhielten uns über die neuen Bio-Marken bei Aldi und Lidl.

Ich meinte, dass ich mich beim  Essen danach richte, was mir schmeckt, egal ob bio oder was.

„Ich habe eigenltich keine Lust, aus etwas Alltäglichen eine Wissenschaft zu machen“, meinte mein Lieblingsfrisör.

„Ich glaube, dass der Esser von heute ein armer Kerl ist, weil er frei ist, zu essen, was, wann und wo er möchte.“

Mein Lieblingsfrisör staunte mich an:“Das soll schlecht sein?“

„Das hat zunächst einmal sein Gutes. Es folgt dem individualistischen Konzept der Moderne und schenkt ein Stück Unabhängigkeit. Es birgt aber auch Schwierigkeiten. Man ist freier, als man es sich wünscht. In früheren Gesellschaften strukturierten wiederkehrende Mahlzeiten die Nahrungsaufnahme, unhinterfragte religiöse Gesetze. Die Produkte waren rar. Man arbeitete hart und hatte sich schweres Essen verdient. Heute ist das völlig anders. Den armen Esser, der durch die Straßen spaziert, locken kleine Leckereien, perfekte Sandwiches, wunderbare Düfte. Verlangen steigt in ihm auf. Gleichzeitig hat er genau verstanden, was er nicht darf: nicht zu viel essen, nicht zu fett, nicht zu süß. Er wird ja bombardiert mit Informationen, kennt die gesundheitlichen Risiken und nimmt sie sehr ernst. Also muss er seine Begierden kontrollieren. Den Todsünden Fett und Zucker widerstehen. Die Mühsal der Selbstbeschränkung auf sich nehmen. Ihm bleibt einfach nichts anderes übrig.

Und was das Essen angeht treiben die Medien ständig neue Säue durchs Dorf: Dann wird die Pampelmuse zum Heilsversprechen. Nicht dass ich was gegen Pampelmusen hätte.

Aber wir armen Konsumenten verfolgen ständig die Debatten um gute und schlechte Ernährung und all den so produzierten Widersprüchen, die seine Sicherheiten zerstören.

Meine Mutter zum Beispiel weiß schon, dass sie ein bisschen zu fette Sachen isst. Aber sie tröstet sich damit, dass ihre Wurst "natürlich" sei. Auf meine Nachfrage, was an dieser Wurst denn so natürlich sei, sagte sie übrigens: Ich habe sie nicht im Supermarkt, sondern beim Schlachter gekauft..“

Mein Lieblingsfrisör rutschte schon auf seinem Stuhl hin und her:“Du hast wohl deinen Philosophischen heute, wie hältst du es denn?“

„Ich wiege ja traditionell immer 88 Kilo, aber in letzter Zeit gibt es immer mal wieder Andeutungen in richtung irgendeines Bauches. Das Problem ist einfach, dass Pommes frites und Currywurst ziemlich gut schmecken. Die Alltagspraxis ist darum viel weniger von Theorie geprägt. Man isst nun mal nicht mit dem Gehirn.

Bettina kocht jetzt gesünder und ich verändere meine Essgewohnheiten, wieder weniger in der TUI Kantine, dafür abends mit der Familie gemeinsam essen. Überhaupt denke ich, dass erst durch das gemeinsame Essen Familie entsteht. Lucie hat das auch schon erkannt; „sammen essen“, findet sie ganz toll, besonders wenn dann noch eine der Omas oder der Schwestern oder Freunde dabei sind.“

Mein Lieblingsfrisör schaute mich lange nachdenklich an und biss demonstrativ herzhaft in ein Bifi Roll.

Dienstag, 05. Dezember 2006

Der Weihnachtsbaum wird bürgerlich

Christ Mein Lieblingsfrisör und ich sassen beisammen bei einer Tüte Spekulatius und einem Glühwein.

Wth: „Ist der Weihnachtsbaum eigentlich noch zeitgemäß.“

Mlf: „Absolut.“

„Aber er ist doch ein heidnisches Symbol.“

Mlf: „Das weiß doch heute kaum noch jemand. Das Bürgertum hat ihn erst im 19. Jhrdt. Für sich entdeckt, da wurde auch das Weihnachtsbaumzubehör erfunden. Handwerker hatten den Baum schon seit dem 16. Jahrhundert mit Naschwerk behängt, die Kinder durften ihn plündern, es war also eher ein Gabenbaum. In der Kirche hat sich der Baum erst gegen Ende des 19. Jahhunderts durchgesetzt. Übrigens eher im Norden als im Süden, weil es in Süddeutschland die Krippen als Konkurrenzprodukt gab.“

„Wir haben seit zwei Jahren beides, Baum und Krippe. Was ist denn dieses Jahr an Bäumen angesagt. Wir haben eine zwei Meter hohe Blautanne, die mit durchsichtigen Kugeln und Süßigkeiten behängt wird.“

Er schaute mich mitleidig an: „Da seid ihr ja so gar nicht mainstream, aber auch nicht richtig in. Ihr solltet wenigstens noch schwarzes Lametta dazuhängen. Das ist nämlich angesagt. In den letzten Jahren galt bunt und lila als schick, dieses Jahr schwappt die Kleidermode rüber und man nimmt schwarz. Der Weihnachtsbnaum ist dieses Jahr das Symbol der Bürgerlichkeit. Dabei liegt das Bürgerliche eher im Schmuck als im Baum: kein bunter Kitsch.“

„Symbol der Bürgerlichkeit?“

Mlf: „Alles was verschwindet, steigt im Wert“, grinste er breit.

„Welcher Baumtyp ist also egal?“

mlf: „Das muss man praktisch sehen, wer wie ihr, den Baum seit dem 1. Advent stehen hat, der sollte zur Edeltanne greifen, die halten bis zum 24. durch. Ansonsten ist eine Kiefer aber auch durchaus angesagt, weil dicht, schön grün und preiswert: Die Preise für Bäume liegen 15 Prozent höher als im letzten Jahr…“

Damit entschwand er in Richtung seines Ladens und ich blieb mit der Frage zurück: Woher bekomme ich schwarzes Lametta?

Mittwoch, 18. Januar 2006

Mein Lieblingsfrisör durchkämmt die (Waren)Welt: Merkel ohne Vornamen

Blow Meistens Mittwochs fahre ich mit meinem Lieblingsfrisör in der Stadtbahn. Wie es ja sicherlich bekannt ist, leidet mein Lieblingsfrisör unter einer seltenen Hautkrankheit (wir lernten uns auf einem Exzemkongress kennen) und muß jetzt immer zum Abschuppen in die MHH fahren. Wir diskutierten gerade mal wieder über die „Monk“-Folge vom Vorabend. Wieder konnten wir uns nicht einigen, ob nun Sharoona Fleming oder Natalie Teeger die bessere Assistentin sei, als nebenan ein dicker, schwitzender Mann Anfang dreißig einstieg, sich hinsetzte, einen ziemlich großen Porno mit dicken Frauen auspackte und genüsslich darin blätterte. Die Endfünfzigerin neben ihm bekam einen glühendroten Kopf, der Gymnasiast zur linken wußte nicht mehr, wo er hingucken soll.

Nachdem wir die Szenerie eine Weile genossen hatten, warf mein Lieblingsfrisör ein: „Ist dir eigentlich schon aufgefallen, dass Merkel keinen Vornamen hat?“

Ich wusste was er meinte. In den deutschen Gazetten liest man immer öfter „Frau Merkel hat…“

„Ich verstehe auch nicht, warum man nicht mal Frau Bundeskanzlerin oder Angela Merkel schreibt.“

„Selbst Anne Will spricht von Frau Merkel.“

Unseren Voilontären streichen wir das immer weg, aber unsere Gazetten falllen uns in den Rücken. Schuld sei ja Stoiber, meinte mein Frisör, der hat die Anrede „Frau Merkel“ salonfähig gemacht: „…aäh, Frau Christiansen, äh.“

Drüben eskalierte die Szenerie, der Zombie blätterte gerade in einer Fotostrecke, irgendwas mit einem Blowjob und dem Postboten, dabei rülpste er feucht und kratzte sich an den Eiern, was die Endfünfzigerin veranlasste, empört aufzustehen. Niemand traute sich, ihren freigewordenen Platz zu besetzen.

Wir bedauerten wieder, dass wir das Ende der Geschichte nicht erleben konnten und stiegen MHH aus. Mein Lieblingsfrisör meinte zum Abschied: „Aber weißt du was, Mehdorn hat auch keinen Vornamen.“

Er hatte Recht.

Alltagswahnsinn in der Stadtbahn: Ein Tag vor der Cebit, Monk

Monk Am Mittwochmorgen vor der Cebit saßen mein Lieblingsfrisör und ich zusammen in der Stadtbahn und diskutierten über die „Monk“-Folge vom Vorabend. Mittwochs fahren wir jetzt immer zusammen, da mein Lieblingsfrisör unter einer seltenen Hautkrankheit leidet (wir lernten uns auf einem Exzemkongress kennen) und dann immer zum Abschuppen in die MHH fährt. Die Stadtbahn ist voll mit Nadelgestreiften und jungen Studentinnen, die sich in ungewohnte Kostüme zwängen mussten, neben mir hört ein Kid Eminems „I’m a criminal“, Schüsse dringen aus den Ohrhörern.

Mein Freund war für die Szene, in der Leland Stottlemeyer in der Verhörzelle versucht, den Affen Darwin dazu zu bringen, auf ihn zu schießen. Stottlemeyer glaubte tatsächlich, dass Darwin der Mörder des Musikproduzenten im Panic Room (Motiv des geschlossenen Raumes) war. Was Stottlemeyer nicht wusste war allerdings, dass sein Assistent Disher Darwin aus Versehen einen geladenen Revolver gegeben hatte.

Da ich ja für noch subtileren Humor zu haben bin, bevorzugte ich die Szene, in der Monk Darwin in seiner Wohnung versteckt. Sherona hatte den Affen aus dem Tierheim entführt, um ihn vor der standrechtlichen Erschießung zu bewahren. Natürlich verwüstet Darwin die Wohnung, hängt alle Bilder schief (eine Katastrophe für Monk): Die Szene ist genial, Monk schaut entsetzt-abwesend in die Kamera, während im Hintergrund Darwin an der Lampe schaukelt, links langsam ein Bild von der Wand rutscht und  Monks Hand in verschütteten Orangensaft taucht.

Während wir noch diskutieren klingelt bei einer Nadelstreifenkostümträgerin das Handy mit Carmen, erster Akt, dritte Szene. „Neulich-Zu-Spät“ meldet sie sich.

Wir schauen uns an. Nomen est omen.

"Südfrankreich liegt an der Elbe. Fische, die Fass heißen, haben samstags die längsten Bärte. Jeden Dienstag ist Jeanstag." Für einen Moment hält sie inne. Mein Lieblingsfrisör und ich sitzen angelehnt und lächeln freundlich. "Besser zugehört!", ruft sie streng und fährt eifrig fort: "Immer daran denken: Katzenfutter im Stadtturm vergraben! Schottische Weinproben nur im Schatten machen! Keine Tweedjacken auf protestantischen Taufzeremonien! - Noch jemand ohne Suppe?"

Mein Lieblingsfrisör hatte heute morgen mehrere Baldrianpillen genommen. Am Nachmittag hatte sich nämlich Ministerpräsident Wulff bei ihm zum Schnitt angemeldet und immer wenn Wulff kommt versetzt er sich in Baldrianrausch. Immer wenn er Baldrian nimmt, dann wird mein Lieblingsfrisör nach einer Weile sehr philosophisch: "Jedes strukturierte Leben verlangt eine Ordnung." kommentiert er das soeben Gehörte.

"Püriertes Kamel in Sahnesoße mache ich mir selbst und nicht aus der Dose!", schallt die Stimme von Neulich-Zu-Spät durch die Bahn. "Zwergwiesel sind aus! Sauerkraut nur mit Haut! Immer im Leisen speisen." Augenscheinlich bespricht sie gerade das Menü für eine Veranstaltung. "Keinen Pudding in den Jackentaschen. Bananen nur zur Belohnung."

Mein Frisör fasst unter den Sitz und holt ein durchgekautes Kaugummi hervor. Angewidert meint er „Stadtbahnschleim“. Wir lachen schallend und sind uns nun einig.

"Steigen Sie in eine Kiste und machen Sie einen Selbstfindungskurs. Werden Sie melancholisch und schwermütig! Gründen Sie einen Rommé-Club. Keine Pupswettbewerbe im sowieso schon eher klein gehaltenen Nichtraucherzimmer !"

"Ich war auch mal jung und verloren", meint mein Frisör "Der Mensch ist mit sich selbst überfordert. Das größte Pfand der Freundschaft ist die Nachsicht."

"Schlendrian!", tönt Neulich-Zu-Spät "Verbrennen Sie sofort sämtliches Strandgut !" Heute hau'n wir auf die Pauke. Ein Festival der Liebe. Es fährt ein Zug nach Nirgendwo!", ruft sie. Dann herrscht endlich Ruhe.

"Nur wer sich Zeit lässt, kann sich Zeit nehmen", sagt mein Frisör. "Wer alles ganz schnell macht, der hat keine Zeit. Der hat ja viel zu viel zu tun." Wir fahren schweigend weiter. Neben mir läuft „Kill you“.

Mein Lieblingsfrisör durchkämmt die Medienwelt oder: in Rudi-Assauer-Stimmung

Assauer Gestern Abend wollte ich eigentlich mal wieder die aufgelaufenen Papiere und Rechnungen des letzten Quartals ordnen und bezahlen, da rief mein Lieblingsfrisör an. Er steht dem Kanzler sehr nahe. Er denkt wie er. Er fühlt wie er.

- "Hömma Junge, wat habt ihr denn da widda gemacht?"

Normalerweise spricht mein Liebelingsfrisör nicht mit Ruhrpottakzent. Normalerweise sagt er auch nicht „Junge“ zu mir. Auch alles Auftrumpfende und Aggressive ist ihm fremd. Normalerweise. Schien so, als ob er um 21 Uhr schon leicht Weinschwer war.

- "Was meinst du,?"

- "Na mit der Wahl: Ihr habt doch alles falsch vorhergesagt. Ihr von den Medien wolltet doch, dass die Merkel gewinnt!"

- "Aber ich bitte dich, du weißt doch. Ich bin Öffentlichkeitsarbeiter nicht Journalist. Und ich lese die taz! Ich bin bei den Guten!"

"Achja, die von der taz haben in der letzten Woche noch so gerade die Kurve gekriegt."

Wie gesagt: Normalerweise ist mein Lieblingsfrisör ein sehr umgänglicher Mensch. Auch politisch. Er ist seit 1970 in der SPD und seit 1971 zu keiner Versammlung mehr gegangen. Seine Frau darf wählen, was sie will. Früher war Willy Brandt sein Held. Später Oskar Lafontaine. Jetzt wohl nicht mehr.

Als er anrief, war es 21 Uhr. Ich hatte den ganzen Tag gearbeitet. Mein Lieblingsfrisör klang, als hätte er schon länger Feierabend gemacht.

- "Ha! Der Gerd hat euch das so richtig gezeigt. Ha!"

Er war in einer unangenehmen Stimmung. Ich nenne das die Rudi-Assauer-Stimmung. Rudi Assauer ist der Manager von Schalke 04. Assauer raucht öffentlich und haut seiner Frau in meinem Lieblingswerbespot auf den Hintern. Im neuen lässt er sie in Dessous auf dem Bett liegen und trinkt lieber ein Veltins. Man muß den Frauen eben ab und zu mal zeigen, wo die Prioritäten liegen. Assauer entscheidet aus dem Bauch und pflegt das deutliche Wort. Neulich hat ein Fernsehmoderator angedeutet, er habe ein Alkoholproblem.

Rudi Assauer ist übrigens - ähnlich wie der Bundeskanzler und mein Lieblingsfrisör - ein Medienkritiker. Als neulich ein Professor aus Heidelberg oder Freiburg oder so in einem Nachrichtenmagazin ausrechnete, Schalke sei überschuldet, kommentierte Assauer: "Den Mann muss man eigentlich standrechtlich erschießen."

Jeder Mann sollte das Recht haben, ab und an in Rudi-Assauer-Stimmung oder in Gerhard-Schröder-Stimmung zu sein. Das Schlimme ist doch: Die Rudi Assauers sterben aus. Und die Gerhard Schröders auch. Joschka Fischer ist jetzt schon weg. Und nach ihnen kommen kluge Frauen und kalte Neoliberale. Oder kalte neoliberale Frauen.

Nach dem Gespräch mit meinem Lieblingsfrisör war ich jedenfalls auch in Rudi Assauer Stimmung. Es ist jetzt eine Woche her und welcher Journalist hat sich eigentlich für die eklatanten Fehleinschätzungen seines Blättchens in den letzten Wochen vor der Wahl entschuldigt? Und bitteschön: Wo hört man, dass in den Umfrageinstituten die Köpfe rollen angesichts der katastrophal falschen Umfrageergebnisse der letzten Woche?? Welcher Umfrage soll man denn jetzt eigentlich noch glauben???