Letzten Mittwoch ging es bei der Stadtbahnfahrt mit meinem Lieblingsfrisör mal wieder um Essen. Wir saßen im Tunnel fest und ich hatte das Thema dummerweise auf „Gammelfleisch“ gebracht. Man muß wissen, dass mein Libelingsfrisör und ich die gleichen Hobbies haben: seltene Hautkrankheiten, die Royals und exotische Fleischsorten. So sind seine umfassenden Kenntnisse zu erklären.
„Wer Gammelfleisch eklig findet, der soll sich mal nicht so haben. Der Mensch verzehrt noch ganz andere Dinge, und das sogar mit Genuss. Denk mal nur an das schwedische „Surströmming“:
Sieht aus wie eine Dose Fisch, aber die erkennbar unter Druck stehende Dose sollte man nur unter Wasser öffnen, damit das Faulgas kontrolliert entweichen kann und etwaiger sud nicht durch die gegend spritzt. Mit zugehaltener nase auf das Ende des Blubberns warten. Schweden machen sich über den milchsauer vergorenen und ein halbes Jahr gereiften (man kann auch sagen verroteten) Hering mit Kartoffeln und Zwiebeln auf Brot her, ein Glas Milch oder Schnaps passt dazu. Der Transport der dosen ist bei einigenb Fluglinien übrigens wegen der Explosionsgefahr verboten.“
Meinen Ekel im Gesicht kommentierte er weiter…
„Ekel ist kulturabhängig. In Indien ist Svapaka (Hundeesser) die schlimmste Beleidigung. In Vietnam wirst du zum Hundeverzehr in feine Restaurants geleitet. „
„Ja aber Gammelfleisch ist doch eindeutig verdorben“, versuche ich einzuwerfen…
„“Und was ist mit Surströmming? Oder mit dem Würchwitzer Millnkäse, auf dem Milben leben? Wichtig ist der Zustand des Fleisches vor dem Einfrieren. Bei Minus 18 Grad findet kein bakterieller Stoffwechsel mehr statt. Nur die chemischen Abbauprozesse gehen weiter: Eiweißabbau sorgt für leichte Süße, Oxydation macht fetthaltiges Gefriergut muffig. Ungesund ist das nicht. Tibetanische Butter etwa ist erst ranzig richtig gut.“
Die beiden Frauen, die uns gegenübersassen und scheinbar desinteressiert guckten, waren spätestens jetzt leicht grün im Gesicht.
„Ich glaube aber auch nicht“, setzte mein Lieblingsfrisör wieder an, „dass Gammelfleisch zur Delikatesse wird, dazu ist es nicht ungewöhnlich genug. Auf den Faröer Inseln genießt man beispielsweise „Raest Kjöt“, das Fleisch hängt von Oktober bis Februar draußen, es sollte warm genug sein, damit es gut trocknet, aber nicht zu warm, damit nicht großes Madengetümmel entsteht. Eine halbe Stunde bevor Frau und Kinder gestankshalber das Haus verlassen, ist die Faröer Spezialität einer Männerweisheit gemäß genußreif.“
Jetzt war eine der Frauen ganz blaß aufgestanden und setzte sich ein paar Reihen weiter.
„Rochen oder Eishai lagern ihre Giftstoffe nicht in den Nieren, sondern im Fleisch ab. Deshalb lässt man beide kiesbedeckt drei Monate liegen, damit austretende Flüssigkeiten ablaufen können. Am Ammoniakgestank sollte man sich nicht stören, noch zwei Monate trocknen lassen, dann essen, schmeckt leicht käsig.
In Island gilt angefaulte Robbenflosse, bzw „gefüllte Robbe“ als Spezialität, der Robbe werden die Eingeweide entnommen und der Hohlraum mit Heringen gefüllt, das ganze muß drei Monate ablagern.“
Die andere Frau stand schnell auf und kötzelte beim Verlassen der Stadtbahn auf die Trittstufen. Mein Frisör schaute erstaunt hinterher und fuhr fort:
„Auch die Franzosen kennen sich mit Fastverderbenlassen aus. Fasane werden am Genick aufgehängt und dann seinem Verfall so lange zugesehen, bis das Fleisch so zart ist, dass es reißt und der Vogel von selbst zu Boden fällt.“
Jetzt meldete sich ein älterer Herr von nebenan: „Danke, ich hatte mich schon immer gefragt, wie lange der Fasan abhängen muß.“
Mein Freund bekam leuchtende Augen: „jaja, Esskultur ist eine spannende Sache. Die philippinische Hausfrau weiß, dass ihr Schweinebauch tischfertig ist, wenn sich die ersten Maden zeigen. Die Taiwanesen essen zum Reisbier gerne angerottete Kleinigkeiten: Innereien von Hase oder Hirsch werden angesäuert und schmecken erst richtig, wenn die Maden kommen. Diese possierlichen Tierchen spielen auch beim sardischen Casu Marzu-Käse eine Rolle. Die lebenden weißen Larven der Käsefliege verhelfen mit ihrer fettzersetzenden Verdauungstätigkeit dem Käse erst zu seinem kräftigen Aroma. Weicheier klopfen die Tierchen ab, der tapfere Sarde isst sie mit und riskiert Durchfall und Entzündungen im Genitalbereich, denn die Larven sind Magensäureresistent.“
Gottlob kamen wir bei diesen Worten an unser Ziel, war mir selbst doch auch schon etwas flau geworden… Jedenfalls ging ich Mittags ganz bedenkenlos zu meinem Lieblingsdönerstand.