Ohropax wurde hundert Jahre alt - und wir hören nichts davon. (den bitte nochmal lesen und auf der Zunge zergehen lassen!)
Vielleicht kommt noch was, das Jahr ist ja immer noch jung. Vielleicht aber nicht. Vielleicht haben unsere Ohrschützer aus Wehrheim im Taunus ihre Jubiläums-Werbekampagne rund um den wirklichen Rohstoff der Marke gestalten: die Stille. - Sogar mein Word-Rechtschreibprogramm, merke ich jetzt, erkennt das Wort und markiert es nicht rot!
(taz) Die erste Ohropax-Packung enthielt 6 Stück und wurde 1908 für eine Goldmark verkauft. Erfunden und hergestellt hat die Kugeln aus Bienenwachs- und Baumwollwatte-Gemisch der Apotheker Maximilian Negwer in seiner "Fabrik pharmazeutischer und kosmetischer Spezialitäten Max Negwer". Sie ersetzten die bis dato bekannten Ohrschützer aus Holz, Metall, Zelluloid oder Hartgummi. Ab 1916 wurden die In-Ohr-Schützer vom Militär verwendet. Heute bestehen die Pfropfen aus Schaumstoff, Silikon oder Kunststoff, die Edition "Classics" immer noch aus Wachs. Eine Packung kostet jetzt ungefähr 2 Euro. Die bekanntesten Kunden waren Franz Kafka, der seit 1915 Ohropax verwendete, und Günter Grass, der im "Tagebuch einer Schnecke" eine Zweitverwertung vorschlägt: "Jemand, den die Liebe anfällig für Eifersucht gemacht hat, frisst das Ohropax seiner Frau (seiner Geliebten) und hofft, die Substanz ihrer Träume zu speisen."
Meine ersten Erfahrungen mit Ohropax hatte ich? – Nein, nicht im Internat. Dort habe ich geschlafen wie ein Engelchen, wie auch sonst ich bisher nur in einigen wenigen Lebensabschnitten Probleme mit dem Schlaf hatte. Eher schon habe ich mir öfter gewünscht, eigentlich weniger schlafen zu müssen, um mehr Bücher lesen, mehr Filme sehen, mehr Musik hören zu können.
Es war während des Studiums, wenn ich während der großen Messen als Nachtwächter arbeitete. Da hatte ich dann Probleme mit dem Schlafen am Tag. "Es sind so Kügelchen aus Wachs, die stopfst du dir ins Ohr und - futsch - hörst nix mehr", meinte die damalige Frau meines Herzens zu mir.Ich ging zur Apotheke und fand sie neben Hustenbonbons Em-Eukal und Tempo-Taschentüchern (zwei weitere urdeutsche Produkte). Da ich schon damals keinen Texten entgehen konnte, las ich die deutsch-französische Gebrauchsanweisung auf der Rückseite der Schachtel, nahm den rosaroten Baumwollüberzug der Wachskugeln vorsichtig ab, knetete das Material und führte es "nicht zu tief in den äußeren Gehörgang" ein. Ich fühlte mich, als wäre ich innerhalb einer Flasche und jemand hätte sie hermetisch verschlossen. Auf einmal war ich der Mann im Mond, das Baby im Bauch, der Taucher im Ozean. Kurz danach begann ich, meinen Herzschlag zu hören, mein Atmen. Ich sah fast ängstlich um mich, irgendwie im Zweifel, ob die Welt noch existiere.
Ich habe sie nicht oft gebraucht im Leben, die Ohropax, aber das Wissen um ihre Existenz war immer beruhigend: In meinem Reisenecessaire gibt es drei Dinge, die dort immer drin sind: Q-Tipps-Ohrpopler (noch so ein typisch deutsches Produkt), mindestens eine Aspirin und ein Zweierpäckchen Ohropax. Zuletzt habe ich sie vor einem Jahr in Rom gebraucht. Die Müllabfuhr kommt dort um drei Uhr nachts vorbei, die Autoalarme geben ständig ihre unendlichen Hupkonzerte; Radios und Fernseher werden so laut gedreht, wie es technisch möglich ist. Meine italienische Kollegin meinte zu mir: „Wer in Italien Ruhe will, der ist schwul“ (immer noch ein aussagekräftiges Schimpfwort dort).
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